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Georg Trakl - Salzburgs alte Mauern
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In Stein gravierte Stadtansichten eines Menschen, der sein Glück nicht fassen konnte.
An prominenten Stellen sind die Gedichte des Salzburger Schriftstellers Georg Trakl in die stolzen, verschwiegenen Mauern der Stadt eingemeisselt. Seine in Stein gravierten Stadtansichten und Porträts jagen dem Spaziergänger einen Schauer über den Rücken. Am Abend wenn die Glocken Frieden läuten: Die Smokings und teuren Roben tummeln sich im Festspielbezirk. Die Limousinen werden zu den Eingängen dirigiert. Alte Bekannte begrüßen sich. Dann öffnen sich die Theater. Die Chauffeure atmen auf und rücken ihre Mützen ins Gesicht. Regelmäßig im Sommer wird Salzburg vom Kulturfieber geschüttelt. Die Festspiele sind in aller Munde. Die Klatschspalten gehen über - das Who is Who ist bloß eine begradigte Form des Karnevals. Ein Maskenball. Es ist die Erregung, die ein Jahrmarkt mit sich bringt, allerdings ein Hochglanz-Jahrmarkt, der ansteckt.

Die Festspiele sind Zeugen einer versunkenen Zeit. Ihre Gründung fällt in die Epoche des fin de siecle, jener drei, vier Dekaden, die Österreicher heute noch als das große Jahrhundertwendefeuerwerk ihrer Wissenschaft und Kunst glorifizeren, die letzten ekstatischen Zuckungen einer kulturellen Hochblüte vor dem Untergang. Was heute noch von dieser Größe geblieben ist, ist der bittersüße Gesang eben dieses Verfalls, der decadence, und damit die Werke des Salzburger Dichters Georg Trakl. An prominenten Stellen sind seine Gedichte in die stolzen Mauern Salzburgs eingemeißelt. Seismographische Feinfühligkeit und exzessive selbstzerstörerische Veranlagung hatten Trakl zu einer beinahe jenseitgen Klarsicht befähigt, einer Luzidität, die jeden Moment zu kollabieren drohte.

Der Sohn eines Eisenwarenhändlers begann schon früh mit Drogen, vor allem Kokain und exzessivem Alkoholkonsum. Zu seiner Schwester Grete hatte er ein inzestuöses Verhältnis, von dem nicht restlos geklärt ist, ob es tatsächlich nicht nur literarisch kultiviert wurde. Trakl akzeptierte seine Abstammung zeitlebens nicht. Er hielt sich für den Sohn eines Kardinals oder eines anderen bedeutenden Mannes. Das hat er mit der deutschen Legendengestalt Kasper Hauser gemein, genau wie, dass er ständig Glockenläuten hörte und der Halluzination, hinter seinem Rücken stehe ein Mann mit einem gezückten Messer. Jedenfalls geht das aus seiner Krankenakte hervor. Dabei konnte er sich über mangelnde Anerkennung nicht beklagen: Er besuchte Else Lasker-Schüler in Berlin, fuhr zur Sommerfrische mit Adlof und Bessie Loos, seine Gedicht wurden vom legendären Ludwig von Ficker verlegt, über dessen Vermittlung ihm auch Ludwig Wittgenstein 20000 Kronen zukommen ließ. Wittgenstein fand seine Gedicht genial, und das heißt es etwas.

Fest steht, dass er seiner Neigung folgend Pharmazie studierte und sich freiwillig für den Einsatz im Ersten Weltkrieg meldete. Der Krieg war zu viel für sein drogenzernagtes Nerveskostüm. Nach einem gescheiterten Selbstmordversuch wurde er ins Garnisonsspital nach Krakau verlegt. Dort hatte er Anfang November 1914 um einen Besuch Wittgensteins gebeten. Wittgenstein erhoffte sich davon Auftrieb für die eigene Arbeit und Erholung. Er reiste durch die öden, nebligen Weiten Polens an. In Krakau erfuhr er vom Tod des Dichters. Trakl hatte dich einige Tage zuvor mit einer Überdosis Kokain umgebracht.

Für die Festspielgäste ist das ein Drama wie jedes andere auch. Drei, vier Stunden nach Vorstellungsbeginn, klicken die Zündungen der Nobelkarossen. Die Motoren murren, man murmelt sich unsicher die ersten Eindrücke zu. Erst später, auf den Parties und Gesellschaften, klaren die Sinnzusammenhänge auf. Bedeutungsstränge werden aneinandergeknüpft, zu einem Teppich verwoben. Es beginnt ein langer Ritt durch die Salzburger Nacht. Ein High-fidelity magic carpet ride. Nobel geht die Welt zugrunde. Am nächsten Tag heißt es, einen klaren Kopf bekommen. Frische Luft, ein Spaziergang. Am besten mit Georg Trakl als Reiseleiter. Seine in Stein gravierten Stadtansichten und Porträts jagen dem Besucher einen Schauer über den Rücken. Von der abgrundtiefen Schönheit wird einem flau im Magen. Es ist das Gefühl desjenigen, der sein Glück nicht fassen kann. Georg Trakl

Text: Michael Ginthör

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